AGOS: Auf den Spuren eines seltenen italienischen Rennrads


Mein historisches AGOS-Rennrad und die Geschichte von Agostino Impara

Seit einigen Jahren besitze ich ein italienisches Rennrad, über dessen Herkunft zunächst kaum etwas herauszufinden war. Auf dem türkisfarbenen Rahmen steht unübersehbar der Name AGOS. Auch das Steuerrohr, die Gabel und weitere Rahmendetails tragen ungewöhnliche Zeichen, die sich keiner der bekannten großen italienischen Fahrradmarken eindeutig zuordnen ließen.

Je genauer ich das Fahrrad betrachtete, desto interessanter wurde die Suche nach seiner Geschichte. Wer oder was war AGOS? Handelte es sich um einen kleinen Rahmenbauer, eine Werkstattmarke oder lediglich um einen Händler, der zugekaufte Rahmen unter seinem Namen verkaufte?

Die Recherche führte schließlich nach Riozzo, einem Ortsteil der Gemeinde Cerro al Lambro südöstlich von Mailand, und zu einem Mann namens Agostino Impara.

Mein AGOS-Rennrad mit türkisfarbener Metalliclackierung, verchromter Gabel und klassischer Rennradausstattung.

Wer war Agostino Impara?

Agostino Impara war in Cerro al Lambro und Riozzo über viele Jahrzehnte eng mit dem Fahrrad verbunden. Nach seinem Tod im November 2023 erinnerte die örtliche Presse an ihn als den historischen „Fahrraddoktor“ der Gemeinde. Er reparierte Fahrräder, engagierte sich ehrenamtlich und half Menschen, die auf ein Fahrrad angewiesen waren.

Ein Jahr nach seinem Tod organisierten die Gemeinde Cerro al Lambro, die Pro Loco und die örtliche Kirchengemeinde die Gedenkveranstaltung „Pedala con Agos“. Der offizielle Veranstaltungstext liefert den bislang wichtigsten schriftlichen Nachweis zur Geschichte der Marke.

Darin heißt es, Agostino sei in der Gemeinde liebevoll „Agos“ genannt worden. Seine kleine Werkstatt in Riozzo sei nicht nur eine Reparaturwerkstatt gewesen. Er habe Fahrräder wiederhergestellt und sie Menschen geschenkt, die ein Transportmittel für den Weg zur Arbeit benötigten. Außerdem wird er ausdrücklich als Produzent hochwertiger Rennräder beschrieben. Seine Fahrräder trugen den Markennamen AGOS.

Damit ist belegt, dass „Agos“ sowohl der Spitzname von Agostino Impara als auch die Bezeichnung seiner Fahrradmarke war.

Quelle: Comune di Cerro al Lambro, „Pedala con Agos“

Ein AGOS-Rennrad im Santuario del Ghisallo

Der Veranstaltungstext enthält noch einen weiteren wichtigen Hinweis: Im berühmten Santuario della Madonna del Ghisallo befindet sich ein von Agostino gebautes beziehungsweise unter seiner Marke hergestelltes Rennrad.

Dieses Fahrrad war ursprünglich für Don Paolo Villa bestimmt und wurde später dem Santuario überlassen. Mittlerweile ist es auch im virtuellen Bestand des Santuario als „Bicicletta AGOS Don Paolo Villa“ erfasst. Als aktueller Standort ist das Archiv angegeben.

Quelle: Santuario Madonna del Ghisallo, „Bicicletta AGOS Don Paolo Villa“

Das dort dokumentierte Fahrrad ist deutlich jünger als mein Rennrad. Gestaltung und Ausstattung sprechen eher für ein Fahrrad vom Ende der 1980er Jahre, aus den 1990er Jahren oder möglicherweise noch etwas später. Eine exakte Datierung ist anhand der veröffentlichten Aufnahme nicht möglich.

Trotz des Altersunterschieds liefert dieses Fahrrad einen entscheidenden Vergleich.

Derselbe AGOS-Schriftzug

Das Ghisallo-Rad besitzt eine auffällige blau-gelbe Verlaufs lackierung. Auf dem Unterrohr steht „AGOS“ in gelben beziehungsweise goldfarbenen Buchstaben. Derselbe Schriftzug befindet sich senkrecht auf dem Sitzrohr.

Beim direkten Vergleich mit meinem Fahrrad stimmen die Schriftzüge praktisch vollständig überein:

  • gleiche Buchstabenformen,
  • gleiche Proportionen,
  • gleiche Abstände,
  • identische Gestaltung des „A“, „G“, „O“ und „S“,
  • gelbe beziehungsweise goldene Füllung,
  • roter oder dunkel wirkender Schatten nach rechts unten ,
  • gleiche Positionierung auf Unterrohr und Sitzrohr.

Die kleinen optischen Unterschiede lassen sich durch Perspektive, Bildqualität, Alterung und die unterschiedlichen Rahmenfarben erklären. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um dieselbe AGOS-Schriftvorlage beziehungsweise Decalgestaltung.

Auch auf dem Steuerrohr des Ghisallo-Rads lässt sich trotz der davor verlaufenden Kabel schemenhaft ein gelb-goldenes Zeichen erkennen. Position und Umriss sind mit dem markanten „A“ meines Fahrrads vereinbar, das von stilisierten Lorbeerzweigen eingefasst wird. Die Aufnahme reicht nicht für einen endgültigen Nachweis, aber die Übereinstimmung erscheint sehr wahrscheinlich.

Eine erkennbare, aber flexible Markenidentität

Zunächst entstand der Eindruck, dass nahezu jedes erhaltene AGOS-Rennrad individuell gestaltet wurde. Der Vergleich mit dem Ghisallo-Rad zeigt inzwischen ein differenzierteres Bild.

AGOS besaß offenbar eine wiederkehrende Kernidentität:

  • der charakteristische AGOS-Schriftzug,
  • die Anordnung auf Unterrohr und Sitzrohr,
  • die gelb-goldene Farbgebung mit dunkler oder roter Schattierung,
  • wahrscheinlich das „A“ mit Lorbeerzweigen als Steuerrohrzeichen.

Andere Elemente konnten dagegen stark variieren:

  • Rahmenfarbe und Lackiermuster,
  • verchromte oder vollständig lackierte Gabeln,
  • zusätzliche Embleme,
  • kleinere Schriftzüge,
  • Rahmenausführung,
  • verwendete Komponenten,
  • Ausstattung nach Zeitraum oder Kundenwunsch.

AGOS war keine industrielle Großserie mit jährlich einheitlich festgelegten Modellprogrammen und einer durchgehend standardisierten Gestaltung. Die gefundenen Fahrräder sprechen eher für eine kleine Werkstattmarke, bei der ein wiedererkennbarer Markenschriftzug mit individuell ausgeführten Rahmen und Lackierungen kombiniert wurde.

Die Merkmale meines AGOS-Rahmens

Mein Fahrrad besitzt einen klassischen gemufften Stahlrahmen mit türkisfarbener Metalliclackierung. Mehrere Details sprechen für einen hochwertigen italienischen Rennradrahmen seiner Zeit.

Columbus-Rohre

Am Sitzrohr befindet sich ein historischer Columbus-Aufkleber mit der Aufschrift „Tubi Rinforzati Garantiti“ und „Acciaio Speciale“.

Damit ist die Verwendung eines Columbus-Rohrsatzes belegt. Der Aufkleber allein erlaubt jedoch keine sichere Bestimmung der konkreten Rohrserie. Eine Zuordnung zu Columbus SL, SP oder einer anderen Serie wäre ohne zusätzliche Merkmale oder eine vollständige Vermessung spekulativ.

Der erhaltene Columbus-Aufkleber bestätigt die Verwendung italienischer Stahlrohre.

Campagnolo-Ausfallende

Das hintere Ausfallende trägt gut sichtbar den eingestanzten Namen Campagnolo. Dies ist ein weiteres zeittypisches Qualitätsmerkmal. Es beweist allerdings nicht, dass der gesamte Rahmen von Campagnolo oder von einem bestimmten bekannten Rahmenbauer hergestellt wurde.

Das verchromte hintere Ausfallende mit Campagnolo-Schriftzug.

Verchromte Bauteile und Rahmendetails

Weitere auffällige Merkmale sind:

  • eine verchromte Gabel,
  • eine verchromte Kettenstrebe,
  • ein dekorativ ausgeschnittenes Tretlagergehäuse,
  • unter dem Tretlager geführte Schaltzüge,
  • filigrane Sitzstreben,
  • klassische Muffenverbindungen,
  • ein aufwendig gestalteter Übergang an der hinteren Bremsbrücke.

Auf der Unterseite des Tretlagers ist keine Rahmennummer erkennbar. Auch an den bisher untersuchten Ausfallenden wurde keine eindeutige individuelle Rahmennummer gefunden.

Das Fehlen einer Nummer erschwert die Identifizierung, widerlegt aber nicht die Herkunft als AGOS-Rahmen.

Dekorativer Ausschnitt und Zugführung unter dem Tretlager, jedoch keine erkennbare Rahmennummer.

Das rätselhafte gelbe Radfahrerzeichen

Ein besonders ungewöhnliches Detail meines Fahrrads ist ein kleines gelbes Zeichen. Es befindet sich mehrfach am Rahmen, unter anderem auf der Gabelkrone und an der hinteren Bremsbrücke.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man das Zeichen für ein Buchstabenmonogramm halten. Die vergrößerte Aufnahme zeigt jedoch eine andere und wesentlich schlüssigere Interpretation: Das Motiv stellt wahrscheinlich einen stark stilisierten Radfahrer in Frontalansicht dar.

Erkennbar sind:

  • ein kleiner Kopf am oberen Ende,
  • seitlich geführte Arme beziehungsweise ein Lenker,
  • ein rundes Element in der Mitte,
  • zwei unterschiedlich lange untere Linien,
  • möglicherweise Beine, Kurbeln oder unterschiedlich stehende Pedale.
Das mehrfach verwendete Zeichen lässt sich am schlüssigsten als stilisierter Radfahrer von vorn lesen.

Zeitweise wurde geprüft, ob dieses Zeichen mit den historischen GPT-Zeichen von Pinarello zusammenhängen könnte. Diese Zuordnung ließ sich nicht bestätigen und wurde verworfen. Das Symbol auf meinem Fahrrad stimmt nicht mit einem belegten Pinarello-GPT-Monogramm überein.

Die Herkunft des Zeichens bleibt offen. Denkbar sind derzeit drei Möglichkeiten:

  1. ein älteres oder nur zeitweise verwendetes AGOS-Zusatzemblem,
  2. ein Zeichen des eigentlichen Rahmenbauers oder Rahmenzulieferers,
  3. eine Dekoration, die nur bei bestimmten AGOS-Rahmen verwendet wurde.

Das jüngere Ghisallo-Rad trägt dieses Piktogramm offenbar nicht. Es war deshalb wahrscheinlich kein dauerhaft verwendetes Hauptlogo der Marke.

Baute Agostino Impara die Rahmen selbst?

Die offizielle Darstellung der Gemeinde bezeichnet Agostino Impara als Produzenten von Rennrädern. Daraus geht jedoch nicht hervor, ob er jeden Rahmen vollständig selbst lötete oder ob er Rahmen von spezialisierten italienischen Rahmenbauern bezog, anschließend lackieren ließ und unter der Marke AGOS aufbaute.

In einem italienischen Fahrradforum findet sich die Aussage eines Nutzers, AGOS habe Rahmen von verschiedenen Zulieferern bezogen. Als einer dieser Zulieferer wird Morandotti aus Certosa di Pavia genannt, der demnach auch Rahmen für Cinelli gefertigt haben soll.

Quelle: BDC-MAG Forum, Diskussion „Bici Agos“

Dieser Hinweis ist interessant, aber kein belastbarer Nachweis für den Hersteller meines Rahmens. Bislang existiert weder eine Rahmennummer noch ein eindeutiges Herstellerzeichen, das meinen Rahmen Morandotti oder einem anderen Rahmenbauer zuordnet.

Die sachlich richtige Einordnung lautet deshalb: Mein Fahrrad ist eindeutig als AGOS gekennzeichnet. Wer den eigentlichen Rohrahmen herstellte, ist weiterhin offen.

Wie alt ist mein AGOS-Rennrad?

Die Rahmenkonstruktion, die Muffen, die verchromte Gabel, die Zugführung und die Gestaltung sprechen nach gegenwärtigem Stand für ein Fahrrad vom Ende der 1970er oder vom Anfang der 1980er Jahre.

Diese zeitliche Einordnung ist eine Arbeitshypothese und kein abschließend belegtes Baujahr. Eine Datierung anhand der aktuell montierten Komponenten ist nur eingeschränkt möglich, weil das Fahrrad im Laufe seines Lebens verändert wurde und ich es selbst für meinen heutigen Einsatzzweck weiter modifiziert habe.

Für die Datierung müssen deshalb vor allem die unveränderten Rahmendetails betrachtet werden.

Vorläufiges Ergebnis der Recherche

Die bisherigen Ergebnisse sprechen mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um ein authentisches älteres AGOS-Rennrad aus dem Umfeld der Werkstatt von Agostino Impara in Riozzo handelt.

Besonders aussagekräftig sind:

  • der offiziell belegte Markenname AGOS,
  • der dokumentierte Spitzname von Agostino Impara,
  • der praktisch identische Schriftzug auf dem Ghisallo-Rad,
  • das wahrscheinlich übereinstimmende Steuerrohrzeichen,
  • der historische Columbus-Aufkleber,
  • das Campagnolo-Ausfallende,
  • die konsistente Alterung von Lackierung, Schriftzügen und Rahmendetails.

Offen bleiben:

  • das genaue Baujahr,
  • die konkrete Columbus-Rohrserie,
  • der tatsächliche Hersteller des Rohrahmens,
  • die Bedeutung und Herkunft des Radfahrer-Piktogramms,
  • die ursprüngliche vollständige Ausstattung des Fahrrads.

Gerade diese noch ungelösten Fragen machen das Fahrrad für mich besonders interessant. AGOS gehörte nicht zu den großen italienischen Marken, deren Modelle sich anhand umfangreicher Kataloge und Seriennummern eindeutig bestimmen lassen. Die Geschichte muss stattdessen Stück für Stück aus erhaltenen Fahrrädern, historischen Fotos, lokalen Erinnerungen und einzelnen Dokumenten rekonstruiert werden.

AGOS Rennrad L’Eroica 2024


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